OKTOBER 2002

Eine schwebende Feder wurde von einem Spinnennetz aufgefangen und bewegte sich an ihm

wie ein festgebundener Ballon. Manchmal verhalten sich unsere Gedanken genau so, bis sie

davonschweben können.

Heute ist das lange Zeit wenig beachtete Schutzengelfest. Es begegnen uns so viele kleine

Engel in unserem täglichen Leben, dass wir erst dann Gottes Gnade erkennen, wenn sie nicht

mehr da sind. Sie sind nicht nur eine Quelle der Inspiration und der Hoffnung, sondern auch

Begleiter und Beschützer, die als Vermittler auftreten durch die Menschen, denen wir

begegnen. Sogar Bruno, unsere Katze, kann ein Engel sein, der uns Trost gibt in schwierigen

Zeiten und ein Vorbild an Gelassenheit ist.

11. Oktober

Die Einfahrt zum Tor ist nun vollgestreut mit trockenen Herbstblättern, die unter unseren

Sandalen knirschen. In der Frühe ist es frisch, mit einigen Graden Temperaturrückgang, und

die Heizung wurde in der Kapelle einige Zeit eingeschaltet, um die Kälte der Nacht zu

vertreiben.

”Kriege und Kriegsgerüchte”, ganz gleich ob in Wirklichkeit oder in heimtückischer Weise

politisch, sind immer noch Bestandteil der täglichen Nachrichten. Für die unter uns, die

politisch machtlos sind und keinen persönlichen Einfluss haben, ist nur effektiv, mit unseren

täglichen Aufgaben ruhig fort zu fahren. Man muss Gott nicht sagen, was zu tun ist, und wir

kennen unsere Verantwortung im täglichen Leben. Auch bei uns gibt es die Notwendigkeit zu

Einsparungen, da sich die Weltsituation auf unser Einkommen ausgewirkt hat.

27. Oktober (aus einem Brief)

Ich komme gerade von der Kapelle, wo der Halbmond durch die Oberlichter schien und die

Schatten der Dachsparren auf die ruhigen Flächen der Bodenplatten geworfen wurden. Der

Wind bewegt die Zweige der Bäume und formt Schatten wie tanzende Wasserwellen. Die

Kapelle ist uns immer wie eine Arche vorgekommen. Wenn die Winterstürme gegen das Haus

peitschten, schmiegte sich die kleine Kapelle daneben. Der gelegentliche Glanz des

Sonnenlichts während eines Sturmes westlich vom Haus, von wo aus wir die walisischen

Hügel sehen, hat Regenbögen von unglaublicher Schönheit hervorgebracht.

Es scheint unwahrscheinlich, dass es schon fast Ende Oktober ist. Vor nur wenigen Wochen

schrieb ich den Prolog zu unseren monatlichen Reflektionen für die Internetseite, und jetzt

wären wir also bereits wieder so weit, mit ”müden Flügeln schlagend”, da das Jahr in den

Winter hinein schwebt.

Dies ist der Monat der Spinnweben, die gegen das Glas der Refektoriumfenster scheinen,

über das Eisentor gesponnen, mit Tautropfen auf den Büschen am Teich glänzend, während

Spinnen vor einem Besen, der über den Küchenboden fegt und ihnen unbeabsichtigt einen

Schaden zufügen könnte, davoneilen. Wie überleben sie diese Monate, wenn Fliegen eine

Seltenheit sind und Stürme toben? Der größte Spott muss das schwebende Blatt oder die

schwebende Feder gewesen sein, gefangen an einem Netzfaden, im Wind wiegend wie eine

gefangene Beute, während die Spinne zu verhindern versucht, dass das Netz auseinander

bricht.

Es ist interessant, dass die Computerwelt vom ”weltweiten Netz” spricht, so, als wären wir

alle kleine Insekten auf einem großen, unsichtbaren Netz, entweder Nahrung zur Verfügung

stellend oder Nahrung findend durch diese Form der Kommunikation. Wer hat dieses Netz

gemacht, und was ist sein eigentlicher Zweck? - Dass wir für uns selbst entscheiden müssen,

da Gnade und Verderbtheit über denselben Faden laufen können.

Pfarrer N. K. hat uns Dias gezeigt von Assisi, wohin er eine Gruppe seiner Pfarrei auf

Wallfahrt geführt hatte. Sein Vortrag war sehr gut, manchmal begleitet durch mittelalterliche

Musik und Auszügen von den Schriften des Heiligen Franziskus und der Heiligen Klara. Uns

allen haben die etwa 70 Minuten so sehr gefallen. Direkt danach versammelten wir uns in der

kalten Kapelle für die Vesper. Unsere Kapuzen gaben eine willkommene warme Bedeckung

ab.

28. Oktober

Der vom Mond geworfene Schatten war dunkel und zeichnete sich klar ab, als ich vom

Öffnen des Tores zurück kam. Auf unserer windigen Einfahrt kniete ich mich nieder, um

nach der ruhigen schwarzen Katze zu schauen..., nur um feststellen zu müssen, dass es der

Schatten meines Kopfes war.

Gestern haben wir von dem Giftgas erfahren, das in dem Moskauer Theater verwendet wurde,

um die Geiseln zu befreien. All jene, die zu Tode kamen oder schwer verletzt im

Krankenhaus liegen, insgesamt gut dreihundert, wurden durch das unerprobte Gas, das durch

die Armee eingesetzt wurde, getötet. Was wie ein genialer Einfall schien – ein Narkosemittel

einzusetzen – scheint nun noch weitaus vernichtender gewesen zu sein. Dann war da das

Massaker in Bali und der ständige Terror in Israel, ebenso die Ungewissheit in Nordirland.

Dieses neue Jahrtausend erweist sich nicht als eines des Friedens und des guten Willens.

Stürme, die fast über das ganze Land gefegt sind, ungefähr 6 Menschen getötet haben,

beeinflussten unser Gelände nur in geringerem Maße. Kleine Sträucher sind entwurzelt

worden, einschließlich einem silbrigblättrigen Busch und einem Baum, der im Frühling eine

Kaskade aus gelben Blüten trägt. Die Eichhörnchen wagten sich hinaus in den Wind - nur in

den Windflauten peitschte der Regen auf das Flachdach - und suchten dann Schutz in dem

kleinen Futterschuppen. Die Teiche sind voller herunter gewehter Herbstblätter, ein jedes

wiegt einen Regentropfen auf seiner Oberfläche. Vielleicht sollen diese kleinen Blätterboote

unsere Hoffnung sein, ein Symbol der Arche und Gottes unfehlbarer Vorsehung inmitten all

dem Horror, den Mensch und Natur uns auferlegen können. Weil wo auch immer

Grausamkeit herrscht, auch große Gnade ist.

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